Architektur vom anderen Ende der Welt, Berliner Ausstellung würdigt australischen Bauhausarchitekten

Harry Seidler (geb. 1923 in Wien, gest. 2006 in Sydney) war der erste Architekt, der die Prinzipien des Bauhauses in Australien zur vollen Anwendung brachte. Er verstand sich als „der Wegbereiter der modernen Architektur“. Der gebürtige Wiener emigrierte Ende der Dreißigerjahre zunächst in die USA, wirkte später aber hauptsächlich in seiner
australischen Wahlheimat.

Harry Seidler hat zahlreiche markante Hochhäuser im Zentrum von Sydney entworfen. Sie verkörpern eine starke gestalterische Geschlossenheit und sind so ein seltenes städtisches Beispiel für die Umsetzung einer großen
Vision eines einzigen Meisterarchitekten. Zu diesem Ensemble gehören der Australia Square (1967), das MLC Centre (1975), die Grosvenor Place (1988), das Capita Centre (1989), der IBM Tower (1991), die Horizon Apartments (1998) sowie die Cove Apartments (1999). Er zählt zu den kompromisslosesten Architekten Australiens sowie zu den kreativsten Architekten seiner Zeit weltweit. Das Architekturbüro Harry Seidler & Associates existiert bis heute und setzt die Arbeit von Seidler fort.

Das Werk des Architekten vereinigt zahlreiche Quellen und Einflüsse in sich, die er im Laufe seiner Karriere strategisch aufzuspüren und weiterzuentwickeln wusste. Selbstvertrauen, soziales Engagement sowie der methodische und kooperative Zugang zur Gestaltung stammen von Walter Gropius. Die Wohnbautypen, die Macht des Betons und die Wärme von Holz von Marcel Breuer. Bei beiden hatte Seidler an der Harvard Graduate School of Design studiert. Die standardisierten Bausysteme und expressive strukturelle Sprache stammen von Pier Luigi Nervi, die skulpturale
Schmiegsamkeit und lyrischen Formen von Oscar Niemeyer sowie das profunde Verständnis für die Reaktion des menschlichen Auges auf visuelle Phänomene von Josef Albers.

Seit den 70er-Jahren war Seidler zunehmend von den modularen Arbeiten der abstrakten expressionistischen Maler und Bildhauer Amerikas beeinflusst, insbesondere Norman Carlberg, Charles Perry und Frank Stella, wodurch er
eine ganz persönliche künstlerische Sprache entwickelte. Seine majestätischen Formen waren stets durch rationale Planung, die Effizienz standardisierter Bauweisen sowie soziale und ökologische Überlegungen definiert und streben immer danach, maximale künstlerische Wirkung mit geringstmöglicher Anstrengung zu erzielen.

Das Architekturmuseum Berlin widmet Seidler bis Mitte März eine Ausstellung. Die in Zusammenarbeit mit Seidlers Frau Penelope, ebenfalls Architektin, und der Tochter Polly entwickelte Ausstellung wird nach Stationen u.a. in Madrid, Moskau, Wien, Rio de Janeiro, New York und natürlich Sydney damit zum ersten Mal in Deutschland präsentiert.

(rdk / Foto: Horizon Apartments, ein Spätwerk Seidlers, Bildrechte:
Sardaka CC-BY-SA 3.0)